Jungfernfahrt im Badezimmer

Westdeutsche Zeitung, 06. Mai 2014
Jungfernfahrt im Badezimmer
Von Sebastian Paschold

Modellbauer werkeln tausende von Stunden an ihren Miniaturschiffen. Heinz Hermann Kraft hat einen kompletten Hafen gebastelt.

Linn. 50 Schiffe liegen in einem großen Hafen. Frachter werden mit Autos oder Kohlen beladen. Die Hafenarbeiter haben alle Hände voll zu tun. „Das ist mein Lebenswerk“, sagt Heinz Hermann Kraft. Seit 50 Jahren werkelt der 77-Jährige an seinen detailgetreuen Modell-Schiffen.

Alle Schiffe der Anlage haben den gleichen Maßstab von 1:50. Kraft wurde bescheinigt, dass er mit seiner langjährigen Leidenschaft die größte von einer Person im einheitlichen Maßstab gefertigte Modell-Hafenanlage Deutschlands geschaffen hat. Sein Werk zeigte er jetzt anlässlich der Feier zum 40-jährigen Bestehen des Modellbauclubs Krefeld im Linner Greiffenhorst-Schlösschen.

„Es gibt natürlich auch Tage, da sieht man das Chaos der Einzelteile und geht die Treppe direkt wieder runter.“

Gebastelt hat der Modell-Bauer schon von Kindesbeinen an. Zunächst waren es kleine Miniatur-Flugzeuge und die klassische Modell-Eisenbahn, die sein Interesse weckten. Mitte der 60er Jahre stieg er um auf das Anfertigen detailgetreuer Schiffsmodelle – ein deutlich aufwändigeres Hobby. Wichtig ist ihm, so viele Teile wie möglich selbst zu fertigen. So liegen in Krafts Miniatur-Hafen fast gänzlich Unikate. „Für dieses Forschungsschiff habe ich zweieinhalbtausend Stunden gebraucht“, sagt der 77-Jährige und zeigt auf ein mittelgroßes orangefarbenes Schiff.

Die „Victor Hensen“ ist somit eines der aufwändigsten Projekte, das Kraft für seine Hafenanlage fertiggestellt hat. Entdeckt hat er das Original bei einem Aufenthalt im Bremer Hafen. Kraft machte 150 Dias um alle Details des Forschungsschiffs zu Hause im Bastelzimmer nachbauen zu können. Alleine die Ankerwinde bestehe aus 137 Einzelteilen.

Das wichtigste Werkzeug für den Modellbau ist eine handelsübliche Laubsäge. Mit ihr werden auch die winzigen Fenster ausgesägt. Das Material für die Schiffsmodelle fällt unterschiedlich aus. „0,5 Millimeter dickes Aluminium wird oft verwendet um ganze Aufbauten aus einem Stück zu fertigen“, erklärt Kraft.

Andere Materialen sind zum Beispiel Holz oder Kunststoffe wie Polyester für den Bauch der kleinen Schiffe. „Und Pinselstiele werden oft als Mast verwendet“, weiß Lukas Mussial. Der Student senkt mit seinen 21 Jahren den Altersdurchschnitt im Verein. Seit zwei Jahren hegt auch er die Leidenschaft für die fahrtüchtigen Schiffs-Modelle. Im Verein kriegt er Hilfe von langjährigen Modellbauern wie Heinz Hermann Kraft. „Es ist ein Riesenvorteil, wenn man Tipps von den erfahrenen Mitgliedern bekommen kann“, sagt er.

Gewerkelt wird bei Mussial meist in den Semesterferien. „Dann wird jeden Tag in der Garage oder auf dem Speicher gebastelt“, sagt er und fügt hinzu: „Es gibt natürlich auch Tage, da sieht man das Chaos der Einzelteile und geht die Treppe direkt wieder runter.“ Gut einen Monat kann die Tüftelei an einem Modell schon mal dauern. In der Badewanne wird überprüft ob die Rümpfe der Schiffe auch dicht sind. Dann geht es zur Jungfernfahrt auf das Vereinsgewässer des Modellbauclubs. „Da hat man dann schon Herzklopfen. Und wenn man sich nach zehn Minuten sicher ist, dass alles klappt, kriegt man strahlende Augen.“