Modellbauclub: Leinen los bei den Minis

Westdeutsche Zeitung, 02. Oktober 2012
Modellbauclub: Leinen los bei den Minis
von David Kordes

Yachten, Kutter und Segelboote in Miniatur drehten am Wochenende elegant ihre Runden.

Krefeld. Wenn Marvin Mertens „Elke“ in das Kielwasser der „großen“ Schiffe gerät, herrscht akute Seenot! „Das ist das größte Problem bei meinem kleinen Fischkutter“, erklärt der siebenjährige Rotschopf aufgeregt. „Ich muss aus den Wellen raus.“ Der Nachwuchsmodellbauer lässt seinen Kutter mit Hilfe einer großen Fernbedienung eine weite Kurve fahren, dann steuert er die Hindernisse an, die der erste Vorsitzende des Modellbauclubs Krefeld, Mirco Pommerening, im Wasser arretiert hat. Marvin ist mit seiner Familie zur Schaufahrt mit Schiffsmodellen ins Naturfreibad Hüls gekommen.

Die Miniaturschiffe bestechen durch ihre detailreiche Bauweise

Hier treffen sie auf Gleichgesinnte. Es ist ein faszinierendes Bild, das entsteht, als die Abendsonne am Horizont verschwindet und in den zahlreichen Schiffsnachbauten die liebevoll installierten Lichter angehen. Nur ein leichtes Summen der Elektromotoren ist zu hören. Die unruhige Wasseroberfläche spiegelt die Lichter wider. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen vor einer echten Bucht zu stehen.

An jedes Detail haben die Mitglieder des Modellbauclubs gedacht. Dreimastige Segelschiffe kreuzen moderne Yachten, ein Frachter nimmt Container auf, während der Seenotrettungskreuzer, ganz wie ein großer, nach dem Rechten sieht.

Anders als in der Realität bleibt die Brücke der Schiffe verwaist. Die Hobbykapitäne stehen am Ufer. Die langen Antennen der Fernbedienungen ragen über das Wasser. Es wird gefachsimpelt: Wer wie viel Strom an Bord hat, wie viele Arbeitsstunden zum Bau benötigt wurden und welche Projekte als nächstes Anstehen.

Der Modellbau und das Fahren hat schon etwas Meditatives

Ein Plastikzelt bildet das Trockendock. Hier werden die Schiffe abgestellt, wenn Kapitän und Crew zur Speisung an den Grill schreiten. Dort erklärt Pressesprecher Torsten Hühn, was für ihn den Reiz der Tüftelei und Schaufahrten ausmacht.TreffenGefahren wird bei schönem Wetter im Schönwasserpark (Johannsenaue, Oppum) jeweils sonntags ab 10 Uhr und mittwochs ab etwa 16 Uhr.

„Ich habe etwas gesucht, dass mir einen Ausgleich zur Hektik des Alltags verschafft. Das Bauen und Fahren hat etwas Meditatives. Ich kann dabei vollkommen abschalten.“ Nun kommt er zweimal in der Woche extra aus Düsseldorf zum Schönwasserpark, wo der Verein sich üblicherweise trifft, um seinem Seenotkreuzer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel zu verschaffen.

Der Star des Wochenendes ist allerdings Dieter Ziegenbalg. Der Exil-Berliner, der extra aus der Schweiz angereist ist, zieht mit seiner „Bourbon Orca“ alle Blicke auf sich. Über sechs Monate hat er an seinem Bohrinselversorger mit Ankerfunktion gebaut, dabei über 10 000 Euro und Hunderte Arbeitsstunden investiert. Das Ergebnis ist ein originalgetreues Abbild im Maßstab 1:50. Jeder Kran funktioniert. Der Radarschirm dreht sich und selbst das Flackern der Lichter hat er auf sein Modell übertragen.

Statt zu einem Bausatz greift so mancher Fan zu Originalplänen

„Das Besondere dieses Schiffes ist die sogenannte X-Bow-Nase, die das Eintauchen in die Welle verhindert“, erklärt der 50-Jährige, „so hat das Schiff einen deutlich niedrigeren Kraftstoffverbrauch.“ Bausätze kommen ihm schon lange nicht mehr in die Werkstatt. Das wäre dem Modellbauveteran viel zu simpel. „Ich baue nur noch nach Werftplänen und konzipiere und konstruiere die Teile selbst“, sagt Ziegenbalg sichtlich stolz.

Gerne würde der Verein weitere Mitglieder begrüßen. Um Kindern wie Marvin auch das Modellbauen schmackhaft zu machen, werden in Zukunft Kurse angeboten. „Vielleicht baue ich dort ein Zwölf-Volt-Boot“, sagt Marvin mit leuchtenden Augen, ehe er seine „Elke“ den letzten Sonnenstrahlen entgegensteuert.